Korbacher Auftakt zum bundesweit ersten Festival für sinfonische Blasmusik in Nordhessen

Strahlend, fetzig, gelegentlich düster-dräuend und immer wieder mitreißend, das ist die musikalische Bilanz des ersten Korbacher Konzerts des Festivals Sinfonische Blasmusik in Nordhessen.

VON ARMIN HENNIG

Korbach. Den ersten Abend bestritten dabei das Sinfonische Blasorchester der Freien Waldorfschule Kassel unter Leitung von Johan de Wit und das Sinfonische Blasorchester Korbach/ Lelbach mit Rainer Horn am Dirigentenpult. Im Zentrum des Programms standen Kompositionen von George Gershwin, einem Grenzgänger zwischen Klassik und Jazz, mit dessen Zuordnung sich die Puristen aus beiden Lagern immer noch schwertun, aber Sinfonische Blasmusik ist ja das Crossover-Genre schlechthin, das schon mal das Unerhörte oder gern überhörte hörbar macht.

Etwa in Donald Hunsbergers Bearbeitung der Rhapsody in Blue, die sogar irgendwie originaler als das Original klang (jedenfalls für Jazz-Kenner), denn der Arrangeur hatte sich bei seiner Orchestrierung für sinfonisches Blasorchester am während der Entstehungszeit dominierenden Chicago-Jazz orientiert. Insofern spielte das Orchester Jazz pur, dafür ging Pianist Jonas Körten an den Tasten stellvertretend den Weg von der Klassik zum Jazz an seinem Instrument und vollzog nach verhaltenem, ja beinahe tastendem Beginn den übergang zum energischen Zugriff beim Finale. Mit vollem Bigband-Sound und einem fetzigen Marsch eröffnete das SBO aus Kassel sein letztes Stück, die vier Lieder aus dem zweiten Dschungelbuch in einem Arrangement von Ronald Kernen. Fürs finale Versuchs mal mit Gemütlichkeit gab es denn auch den größten Beifall vor der Pause.

Im zweiten Teil konnte der gut aufgelegte ConferencierThomas Korte dann auch mit seinem Instrument, dem Baritonsaxofon, Akzente setzen, etwa mit heftigen rhythmischen Punkten bei der Höllenfahrt in Steven Reinekes Fate of the Gods, dem insgesamt düster-dramatischsten Stück des Abends, dessen dräuende Posaunen-Eröffnung einen wirkungsvollen Kontrast zum überaus strahlenden Blech von John Williams Hymne Olympic Spirits bildete, mit dem das Sinfonische Blasorchester Korbach/Lelbach seine Hälfte eröffnet hatte. Mit Hupen und Tröten und Großstadtgetriebe in sämtlichen Klangfarben spielten die Gastgeber ihre Hommage an Gershwin in einer konzentrierten Fassung von John Krance, die mit dem Quaken der Frösche beim Heimwehblues des Amerikaners in Paris ausklang.

Als meditativen Ruhepunkt mit unglaublicher Sogwirkung hatte Rainer Horn Frank Erick-sons Air for Band gesetzt, ehe er sein Orchester mit Naohi-ro Iwais rhythmisch vertrackter und manchmal auch zerhackter Bearbeitung von Leonard Bernsteins Tänzen aus West Side Story unter Stress setzte. Denn der inzwischen 82-jährige Bearbeiter spielte viel mit technischen Finessen herum und ließ wenig melodischen Fluss bei den Musical-Hits zu.

Einen durch nichts getrübten harmonischen Himmel gab es dagegen bei der Zugabe: Bei Steven Reinekes Hymne an die Adler seines Heimatstaates Maine Where Eagles soar konnten sich die Zuhörer so zu Hause fühlen wie auf dem heimischen Sofa bei Beginn einer Fernsehserie aus den 70er- oder 80er-Jahren. Gewissermaßen noch mal ein Versuchs mal mit Gemütlichkeit Teil 2 mit entsprechendem Erfolg beim Publikum und erhöhter Spielfreude beim Orchester.

Quelle: WLZ 8. Februar 2011


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